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by Florian
- Neuropsychologie
- Verhaltensökonomie
Man kann sich auf unterschiedliche Weisen mit Autos beschäftigen. Man kann eine leidenschaftliche Designaffinität haben und mit Vorliebe die innere und äussere Optik von Autos bewundern. Man kann auch leidenschaftlicher Motorsportfreund sein und das Fahrerlebnis in Leistungsfähigen Autos geniessen. In beiden Fällen geht es um äusserlich sichtbare, beziehungsweise äusserlich wahrnehmbare Eigenschaften von Autos, die subjektiv, je nach spezieller Vorliebe, unterschiedlich beurteilt werden, Geschmacksache sein und Gegenstand von Interpretation werden können. Dem entgegen hat ein Kraftfahrzeugmechaniker grundsätzlich einen anderen Zugang zu Autos. Ein Mechaniker kann durchaus absoluter Banause in Sachen Design oder Fahrfreude sein. Einen Mechaniker interessiert primär die Technik eines Autos, sowie deren reibungsloses Funktionieren. Wo andere nur von aussen hinschauen und über das diskutieren, was sie beobachten können, fährt der Mechaniker ein Auto auf die Hebebühne oder öffnet die Motorhaube, um zu sehen, was tatsächlich Sache ist.
Klassische Allgemeinpsychologen unterscheiden sich in ähnlicher Manier von Kognitionswissenschaftlern, wie Motorsportfreunde von Kraftfahrzeugmechanikern. Klassische Psychologen können nicht im Geringsten Gedanken erahnen. Klassische Psychologen sind in ihrer praktischen Arbeit auf die Verwendung spekulativer Heuristiken und Hypothesen angewiesen, wenn sie sich ein Bild von einem Menschen machen. Klassische Psychologen machen Übertragungen und Projektionen, von einem Menschen auf einen anderen, und sind dabei auf ihre eigenen Schubladen und Stereotype angewiesen. Klassische Psychologen unterliegen jenen Täuschungen und Urteilsfehlern, über die Sie während ihres Studiums noch ausführlich aufgeklärt wurden, ständig selbst. Die Arbeit klassischer Psychologen ist extrem fehleranfällig. Ausserhalb therapeutischer Tätigkeiten ist die Arbeit der meisten klassischen Psychologen weitgehend wertlos, weil voller Fehlurteile.
Kognitionswissenschaftler beschäftigen sich ebenfalls mit Psychologie. Aber eben auch sehr intensiv mit unmittelbarer Biologie, mit Chemie und teils gar mit Physik. Kognitionspsychologen haben sich im Regelfall durchaus zumindest teilweise mit allgemeinpsychologischen Modellen und Konzepten, mit Psychotherapie oder Behaviorismus beschäftigt, aber in erster Linie interessiert sie, was tatsächlich an greifbarer Technik unter der Motorhaube, beziehungsweise unter der Schädeldecke liegt.
So wie die Fortbewegung eines Autos aus Verpuffungsprozessen erklärbar ist, ist auch das Verhalten eines Menschen auf endokrinologische Prozesse und Hirnströme zurückzuführen. Wenn man einen Eimer mit Öl sieht, scheint kaum vorstellbar, dass in diesem chemischen Zeug Eigenschaften verborgen liegen, die durch kanalisierte physikalische Prozesse in letzter Konsequenz dazu führen, dass man mit zweihundert Stundenkilometern über eine Autobahn rast. Ähnlich schwer vorstellbar scheint es vielen, dass Gedanken, Gefühle und Verhalten eines Menschen immer Konsequenz von Molekülen sind, die an bestimmten Biorezeptoren andocken.
Wer morgens nach neun Stunden Schlaf aufwacht, empfindet Entscheidungssituationen häufig anders und trifft entsprechend andere Entscheidungen, als er zehn Stunden zuvor getroffen hätte. Darum spricht man davon, dass man über wichtige Entscheidungen eine Nacht schlafen soll. Warum ist das so? Warum sieht die Welt nach neun Stunden Schlaf plötzlich ganz anders aus, obwohl sich die externen Entscheidungsparameter vermutlich nicht gravierend geändert haben? Ist man morgens etwa ein anderer Mensch? Trifft da ein anderer Mensch die Entscheidung als der, der sie am Vorabend noch getroffen hätte? Im Prinzip ja. Persönlichkeit und Ausstrahlung sind immer der Ausdruck eines gegenwärtigen endokrinologischen Cocktails. Fachleute sprechen von “neuronalen Korrelaten”. Diese Korrelate verändern sich ebenso pausenlos, wie pausenlos Wasser einen Fluss hinunter fliesst. Menschen verändern sich ständig, von Sekunde zu Sekunde. Darum wechseln manche Leute auch erschreckend schnell ihre Freundschaften und Beziehungen, weil sie und die anderen Personen schon nach wenigen Wochen oder Monaten nicht mehr zusammenpassen, da sie sehr zügig andere geworden sind, als sie Wochen und Monate zuvor noch waren.
Wenn man neun Stunden schläft, verändern sich die neuronalen Korrelate über Nacht erheblich. Die veränderte Persönlichkeit hat sodann eine veränderte Entscheidungsgrundlage, weil veränderte Gefühle.
Dass ein Mensch nach neun Stunden Schlaf das Gefühl hat, noch dieselbe Person zu sein wie zuvor, liegt daran, dass Menschen ein Gedächtnis haben.
Betriebswirte, die Opportunisten der Ökonomie, kennen in der Lagerlogistik den Begriff “First-In-First-Out”, im Gegensatz zu beispielsweise “Last-In-First-Out”. Bei einem “FIFO”-System ist ein Lagerbestand früher oder später komplett ausgetauscht. Auch die Moleküle eines menschlichen Körpers sind nach ein paar Jahren vollständig ausgetauscht, auch wenn der Mensch noch ganz ähnlich aussieht, wie vorher. Alles was den Menschen zusammenhält, lässt sich in seine Bestandteile zerlegen. Auch Bewusstseinsprozesse lassen sich auf Vorgänge in insbesondere Hippocampus und präfrontalem Kortex zurückführen.
Um zu verstehen warum sich das Gehirn entwickelt hat wie es sich entwickelt hat, muss man die Evolution verstanden haben. Evolutionspsychologie ist ein ganz wesentlicher Bestandteil der Kognitionswissenschaften. Richtig ist, dass auf Anthropologie und Paläontologie zurückgegriffen werden muss, um die tatsächlich abgelaufene biologische Evolution zu verstehen, völlig falsch ist aber, dass Evolutionspsychologie lediglich ein albernes Spielzeug von Sexualforschern ist.
Interdisziplinäre Forschung ist heute das A und O. Wer sich davor verschliesst, dessen Verständnis wird bald nirgends mehr mithalten können. Das haben viele Ökonomen inzwischen begriffen. Ob es die äusserst konservativen juristischen Fakultäten in Mitteleuropa bald begreifen werden, bleibt abzuwarten.